Ziele und Methodik

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Ziele

Die Untersuchung setzt mit der Geschichte des „Versuchs“ ein, da unter diesem Begriff literarische, ästhetische, naturwissenschaftliche, philosophische, theologische und historiographische Texte des 18. Jahrhunderts das Experimentierverständnis der Moderne noch gemeinsam aushandelten (Teilprojekt I). Sie verfolgt, wie der Begriff „Experiment“ sukzessive szientifisch besetzt und erst nach 1800 explizit auf Literatur angewandt wurde. Fortgesetzt wird die Untersuchung an denjenigen literarischen Texten, die Autoren, Kritiker und Literaturwissenschaftler im 19. und 20. Jahrhundert als „Experimente“ deklarierten (Teilprojekt II). Exemplarisch dafür sind der „Experimentalroman“, die „Experimentierbühne“ und das „experimentelle Theater“, mit denen der Begriff sich in der Literatur- und Theatergeschichte etablierte, bevor er in den 1960er Jahren zum Analyseinstrument der Literaturwissenschaft avancierte.

 

Methodik

Die Fragestellung des Projekts siedelt an der Schnittstelle von Literatur-, Begriffs-, Philosophie- und Wissensgeschichte. Sie entwickelt eine kulturwissenschaftlich erweiterte Methode der Begriffsgeschichte, die es erlaubt, eine um die Begriffe „Versuch“ und „Experiment“ zentrierte Begriffs- als Wissensgeschichte zu erarbeiten.

Im Unterschied zur konventionell philosophischen Begriffsgeschichte werden im Projekt Begriffe nicht allein ihrem definitorischen Wandel nach untersucht, sondern darüber hinaus in ihren diskursiven Kontextbedingungen, nach ihren disziplinär verschiedenen Bedeutungen, ambivalenten Konnotationen, diskursiven Allianzen und sprachpragmatischen Funktionen. Die hier erarbeitete Be­griffsgeschichte zielt daher auf eine Verwendungsgeschichte der Begriffe in verschiedenen Dis­kursen, um über die innertextliche Ebene der (philosophischen) Definition hin­auszugehen und durch intertextuelle und kontextuelle Analysen Aufschlüsse darüber zu erlangen, wie, wozu, mit welchen Bedeutungen, Wertungen und Funktionen ein Begriff in einem Text und für ein be­stimmtes Phänomen verwendet wurde.

Begriffe, darauf hebt die Projektkonzeption ab, sind weder allein Denotate außersprachlicher Sachverhalte noch lediglich Vehikel des Denkens, sie entfalten vielmehr eine diskrete mehrdeutige wie vielschichtige Semantik, deren wirkungsmächtiger Charme in ihrer situativ selektiven Funktionalisierbarkeit besteht. Anstatt einer ideengeschichtlich scheinbar eindeutigen, fixierbaren An­schlussstelle bieten sie durch ihre diachron wie synchron vielfach angereicherten Bedeutungen eine Vielzahl variabler Anschlussmöglichkeiten, aufgrund derer sie auch scheinbar divergente Diskurse miteinander vernetzen können. Diese spezifische Funktionalität wird am konkre­ten Beispiel untersucht, indem semantische Nuancen von „Versuch“ und „Experiment“ nicht losgelöst vom Kontext analysiert werden.

 


Teilprojekt I (18. Jhd.)

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Das Experiment als neues Erkenntnisinstrument der Naturforschung stützte sich auf die Authentizität von Erfahrung, von experientia und experimentum, gegenüber der Tradierung deduktiver Wissenssys­teme. Teilprojekt I setzt um 1700 an einem Zeitpunkt an, an dem das Experiment, nach ersten Triumphen des britischen Empirismus, seinen Siegeszug auf dem europäi­schen Kontinent eben angetreten hatte. Aber obwohl der Erfolg der neuen Methode ihr mehr und mehr Aufmerksamkeit zuteilwerden ließ, tauchten nach 1700 nahezu plötzlich Hunderte Schriften im deutschen Sprachraum auf, darunter Belletristik, Gedichte, Essays, Experimentierberichte, -anleitungen, medizinische und psychologische Beobachtungen ebenso wie naturwissenschaftliche und ästhetische Theorien, philosophische Spekulationen und historische Abhandlungen, die überra­schenderweise nicht „Experiment/e“, sondern „Versuch/e“ übertitelt sind. Es ist also weniger der Begriff „Experiment“ als vielmehr der Begriff „Ver­such“, der zum Titelgeber und damit zum publizistisch verbreiteten und zum epistemologisch diskutier­ten Schlagwort der neuen Experimentalmethode wurde. 

Untersucht wird daher die bislang unbeachtete Funktion des Begriffs „Versuch“ im 18. Jahrhundert, der offensichtlich als Oberbegriff für erkenntnistheoretische wie ‑praktische Konzepte diente. Trotz sei­ner heutigen semantischen Vagheit darf eine Untersuchung historischer Experimentierkonzepte den Begriff „Versuch“ weder auf seine Übersetzungsfunktionen reduzieren noch seine historische Wandel­barkeit übergehen. Erforscht werden die komplexen wissens- und erkenntnisrelevanten Aushandlungs­prozesse, die in Definitionen, Abgrenzungen und Verwendungen des Begriffs „Versuch“ geführt wur­den.

 


Teilprojekt II (19./20. Jhd.)

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Teilprojekt II untersucht Übertragungsphänomene des naturwissenschaftlichen Begriffs „Experi­ment“ auf Literatur und die Ausbildung eines spezifischen Verständnisses von „Experiment“ im Litera­tur- und Theaterdiskurs sowie mögliche Rückwirkungen auf naturforschende und/oder erkenntnistheo­retische Experimentierkonzepte. Um diesen Teil der Untersuchung auf eine begrifflich abgesicherte Basis zu stellen, eruiert das Projekt, für welche fiktionalen Texte und Theateraufführungen und in wel­chen weiteren Kontexten des Literatursystems der Begriff „Experiment“ im deutschsprachigen Raum Anwendung fand. Das Auftauchen des Begriffs „Experiment“ für literarisch-ästhetische Werke und die Art und Weise seiner Verwendung, Konnotatio­nen, expliziten Parteinahmen etc., interessieren hier ebenso wie die Bildung von Synonymen, Komposita sowie die Paraphrasierung des Begriffs.

Auf dieser begriffsgeschichtlichen Basis akzentuiert das Teilprojekt verteilt Zeitenwenden in der zweiten Hälfte des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in denen sich die Beziehungen von Literatur und Experiment entscheidend änderten: Prominent hierfür ist E. Zolas „roman expérimental“, der den Begriff sowohl in Anlehnung an die Naturwissenschaften als auch in Abwendung von der klassisch-romanti­schen Tradition der französischen Literatur gebraucht. Mit „Experimentierbühne“ und „experimentellem Theater“ emanzipierte sich die literar­ästhetische dann von der naturwissenschaftlichen Okkupation des Begriffs.

 


Long English Abstract of Subproject II (19th/20th cent.)

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The research project examines the history of the concept “experiment” according to its historical usage as a term and a catchphrase (1850-1950). The project’s goal is to analyze “experiment” as a crystalizing concept of literary communication and as a polemic term between the “two cultures”, whose supporters and opponents polarized an experimentalization of the Modern era.

One central component of the project undertakes a yet unwritten history of the concept of “experiment” in the German language from the nineteenth to the mid-twentieth century. While the term itself is a desideratum of research, its meaning during this period is contested between its traditional positivist usage and its new formulation according to the Copenhagen interpretation. Whereas previous research either only partially explores its historical meaning or retrospectively applies contemporary usage upon historical material, this project analyzes its definition, etymology, the contexts of its usage, the metaphorics of “experiment” in relation to “essay”, “test”, and “thought experiment”, and elaborates upon its implied meanings, connotations, and cultural norms and practices.

The work focuses on four dimensions of the concept: its semantics and usage in intertextual, paratextual and interdiscourse contexts. Semasiologically the project focuses on the historical relevance of the term’s usage: its dissemination within the natural sciences and as an aesthetic and literary phenomenon (e.g. “experimental aesthetics”, “experimental novel”, “experimental theater”). Next, it examines intertextual citations: While Naturalists such as Bölsche and Holz debated whether the term “experiment” could be applied to literature, Mach’s thought experiments and Musil’s essays refer explicitly to Zola’s neologism “roman expérimental”. Thirdly, the project illustrates the concept’s paratextuality through titles of literary works: Whereas Keller decided against titling his novella collection a “Versuch” because he it found “too toneless”, Brecht renamed his “epic theater” as “experimental” as a publication strategy. Fourthly, the concept is explored as an element of interdiscourse between the so-called two cultures, as a terminus in German Studies: from philology around 1900 to its designation as a literary genre and epoch after 1945.

The project does not apply an ex post appellation of “experiment” to literary texts, but explores its original meanings through historical sources. Aside from literary works these include texts from the natural sciences, philosophy, aesthetics, philology, as well as literary communication (including newspaper articles, reviews, publishers’ notices and correspondence with authors).

To these ends, the project employs a methodology which allows an analysis of the concept’s usage vis-à-vis its formation, reinterpretation, participation, repudiation, etc., as well through the metaphors, metonyms and analogies employed by discursive participants. How one employed the concept of “experiment” articulated one’s interest in participating, in occupying, or rejecting claims to knowledge. The project thereby explores the formation of cultures of knowledge within the experimental paradigm of the Modern.

Translated by William J. Waltz